Gesundheits-Tipp | 24.01.2007 Die heimliche Gefahr aus dem Dieselauspuff Christian Egg Ultrafeine Staubteilchen von Dieselmotoren dringen ungehindert in den Kern von Zellen undins Gehirn ein. Der Gesundheitstipp hat die Partikel erstmals gemessen. Am Morgen hat es noch geregnet. Jetzt hängen graue Wolken über Basel, die Fahrbahn der Feldbergstrasseist nass. Ein Auto nach dem anderen braust vorbei. Auf einem Parkplatz direkt an der Durchgangsstrasse steht ein schwarzer Volvo Kombi: das Redaktionsautodes Gesundheitstipp. Ein Fenster des Volvo ist einen Spaltbreit geöffnet und ein dünner Plastikschlauch hängtheraus. Ein Gerät saugt durch den Schlauch die Aussenluft an. Jede Sekunde misst es die AnzahlFeinstaubteilchen pro Kubikzentimeter Luft. Nach einer Stunde zeigt sich, wie dreckig die Luft ist: Ein Kubikzentimeter enthält durchschnittlich rund 35 000Staubteilchen. Das heisst: Die Passanten auf dem Trottoir der Feldbergstrasse atmen mit jedem AtemzugMillionen von winzigen Feinstaubteilchen ein. Wenn ein Dieselauto mit russendem Auspuff vorbeifährt, enthältbereits ein einziger Kubikzentimeter Luft mehr als eine Million Teilchen. Ein neues Gerät zählt die gefährlichen Staubteilchen An insgesamt acht Standorten in der ganzen Deutschschweiz hat der Gesundheitstipp die AnzahlFeinstaubteilchen in der Luft gemessen (siehe Grafik). Dabei zeigte sich: In unmittelbarer Nähe von stark befahrenen Strassen ist die Belastung besonders hoch. Auch an der Zürichstrasse in Luzern und am Bollwerk in Bern mass der Gesundheitstipp hohe Werte. Starkbelastet ist auch der Seidenweg in Bern - auf den ersten Blick eine ruhige Quartierstrasse. Doch im Lauf einerStunde stellt sich heraus: Die Einfahrt in die Tiefgarage eines Migros-Einkaufszentrums zieht viel Verkehr an. Gemessen hat der Gesundheitstipp mit einem neuen Gerät, das die Fachhochschule Nordwestschweiz inWindisch entwickelt hat. Es ist das erste tragbare Gerät, das auch ultrafeine Staubteilchen messen kann. Diese Winzlinge sind eine Million Mal leichter als normaler Feinstaub. Eine herkömmliche Messung gibt übersie keinen Aufschluss. Das Gerät der Fachhochschule Nordwestschweiz misst nicht das Gewicht des Feinstaubs, sondern die Anzahl Teilchen. Damit erfasst es auch winzige Russpartikel, die von Dieselmotorenausgestossen werden. Sie sind nur gerade 0,08 Mikrometer gross - also kleiner als ein zehntausendstelMillimeter - und enthalten zahlreiche Stoffe, die Krebs auslösen können. Peter Gehr ist Professor für Anatomie an der Universität Bern. Er leitet mehrere Forschungsprojekte zu diesenultrafeinen Teilchen. Seine Erkenntnisse sind besorgniserregend: «Je kleiner ein Teilchen ist, desto tieferdringt es in die Lunge ein und desto länger bleibt es dort. Ein Teil bleibt für immer in der Lunge.» Doch damitnicht genug: Die Teilchen gelangen in der Lunge auch ins Blut und in die roten Blutkörperchen und verteilensich so im ganzen Körper. Gehr: «Ultrafeine Teilchen konnte man sogar im Zellkern nachweisen - also dort, wo das Erbmaterial ist.» Sogar im Gehirn haben Forscher die gefährlichen Winzlinge gefunden: Sie gelangten via Blut aus der Lungedorthin. «Offensichtlich werden sie aber auch von den Riechnerven in der Nase aufgenommen und direkt insGehirn transportiert», sagt Peter Gehr. Dort können sie Entzündungsreaktionen auslösen, wie sie auch alsVorläufer von Alzheimer bekannt sind. Gute Partikelfilter halten 95 Prozent des Staubs zurück Über den direkten Zusammenhang zwischen Ultrafeinstaub und einzelnen Krankheiten wisse man zwar nochwenig, sagt Gehr. «Aber schon die Erkenntnisse von heute sollten Grund genug sein, sofort alleDieselfahrzeuge mit Partikelfiltern auszurüsten.» Gute Partikelfilter halten über 95 Prozent des Feinstaubszurück, auch ultrafeine Teilchen (siehe auch K-Tipp 1/07 «Dreckschleuder in der Mogelpackung»). Auch Roberto Mona vom Basler Lufthygiene-Amt stösst ins gleiche Horn: «Die Messung desGesundheitstipps zeigt, dass Dieselfahrzeuge mit Partikelfiltern ausgerüstet werden müssen.» Die hohen Werte, die der Gesundheitstipp in Basel gemessen hat, überraschen Mona nicht: «DieFeldbergstrasse ist stark belastet», räumt er ein. Auch von anderen Schadstoffen messe man dort hohe Werte. Auch Peter Schmidli von der Umweltschutz-Stelle der Stadt Luzern sagt: «Die Luft an stark befahrenenStrassen enthält viel zu viele Teilchen.» Bei der Zürichstrasse komme hinzu, dass es sich um eine schlechtdurchlüftete Strassenschlucht handle. Der Bundesrat will ein Filter-Obligatorium für Diesel Eher wenig Ultrafeinstaub hatte es dagegen in den Zentren der Landgemeinden Hallwil AG undTrubschachen im Emmental. Der tiefste Wert stammt aber aus der Stadt Zürich: Auf dem Pausenplatz desSchulhauses Rebhügel in Zürich-Wiedikon mass der Gesundheitstipp durchschnittlich knapp 3400 Teilchen. Der Grund: Das Schulhaus liegt etwas erhöht - und vor allem fliesst in unmittelbarer Nähe praktisch keinVerkehr. Nun will die Politik dem Feinstaub Einhalt gebieten. In der EU müssen neue Dieselfahrzeuge ab 2009 einenPartikelfilter haben. Für die Schweiz sagte der Bundesrat letzten Sommer, er wolle den Filter schon frühervorschreiben. Laut Elisabeth Maret, Mediensprecherin des Bundesamts für Umwelt, will der Bundesrat «in denkommenden Wochen» bekannt geben, ob und wann die Filter in der Schweiz obligatorisch werden. «Je kleiner die Staubteilchen, desto tiefer dringen sie in die Lunge ein» Peter Gehr, Professor für Anatomie an der Universität Bern